Offene Werkstatt und Akademie für Innovation

Die Kreishandwerkerschaft der Region Meißen will Handwerker und Kreative zusammenbringen, damit sie gemeinsam neue Produkte entwickeln.

Eigentlich hätten es die Handwerker ja nicht so mit blumigen Worten. Doch es schade auch nicht, das Vokabular der „Antragslyrik“ zu beherrschen, sagt Peter Liebe. „Nur so kann man ein Projekt bekommen.“ Das „Projekt“, das der Kreishandwerksmeister in die Region Meißen holen möchte, ist mit einer Förderung von bis zu sieben Millionen Euro verbunden. Der Antrag dafür ist nun geschrieben und wurde pünktlich ans Bundesministerium für Bildung und Forschung geschickt. Dass sich die Meißner Kreishandwerkerschaft damit am Ende unter über 100 Bewerbern durchsetzt, ist gut möglich.

„Wandel durch Innovation in der Region“ möchte das Bundesministerium mit dem Geld fördern – und die Kreishandwerkerschaft sieht „das Handwerk als Innovationsmotor in der Elberegion Meißen“. Dahinter steckt mehr als wolkige „Antragslyrik“. In den vergangenen Monaten haben im Kreis Meißen Handwerker und Kreative untereinander Kontakte geknüpft. Sie haben Ideen gesponnen: Was braucht es, damit Handwerker, Designer und Künstler in der Region regelmäßig zusammenarbeiten und gemeinsam neue Produkte entwickeln und verkaufen?

In den vier Monaten, in denen die Bewerbung geschrieben wurde, seien gleich mehrere umsetzungsreife Vorschläge entwickelt worden, schildert Jens-Torsten Jacob, der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft. Nicht am grünen Tisch, sondern von den Praktikern: „Wir haben gestaunt, wie groß das Interesse der Handwerker, aber auch von Kreativen und von Institutionen und Verwaltungen an dem Thema war.“ Vier Treffen gab es im Sommer und Frühherbst. Vertreter von 26 Handwerksbetrieben nahmen teil. 13 davon haben nun schon mit Partnern aus der Kreativwirtschaft Projekte entwickelt, die sie gemeinsam umsetzen wollen.

Dazu braucht es aber nicht nur guten Willen, sondern auch eine materielle Voraussetzungen. Zum Beispiel Technik, die nicht jeder Handwerksbetrieb ad hoc zur Verfügung hat: Eine „offene Werkstatt“ soll eingerichtet werden, in der man an den neuen Produkten werkeln kann und dafür zum Beispiel 3D-Drucker zur Verfügung hat. In Großstädten wie Dresden und Leipzig gibt es solche Werkstätten schon, in Sachsens ländlichen Regionen aber noch nicht.

Die Werkstatt, auch „FabLab“ genannt, könnte zudem für die Ausbildung von Schülern und Lehrlingen genutzt werden. „Die Handwerksbetriebe brauchen kreativen Nachwuchs“, sagt Sybille Stenzel vom Qualifizierungszentrum Region Riesa. Interesse am Handwerk wecke und halte man, indem man jungen Leuten Möglichkeiten biete, in Werkstätten kreativ und mit moderner Technik zu arbeiten. Das Riesaer Qualifizierungszentrum könnte dafür die „offene Werkstatt“ einrichten. Der Landkreis Meißen habe schon ein passendes Gebäude in Aussicht gestellt.

Gleiches gilt für die Stadt Riesa und das Vorhaben, in dieser Kommune eine „Innovationsakademie für das Handwerk“ aufzubauen. Es geht um eine Immobilie in der Riesaer Rittergutstraße: Das Haus soll nach Umbau und Sanierung Räume für Treffs, Besprechungen, Lehrgänge und Ausstellungsmöglichkeiten für neue Handwerksprodukte bieten. Es wäre Ideenschmiede und Showroom in einem. Nicht nur die Kreishandwerkerschaft und die Stadt Riesa, sondern auch die benachbarte Staatliche Studienakademie wollen dieses Vorhaben in die Realität umsetzen.

Dass Bedarf dafür besteht, haben Forscher der Uni Leipzig bestätigt. Sie befragten knapp 200 Azubis aus dem ganzen Elbland, berichtet Professor Utz Dornberger, der das Projekt der Kreishandwerkerschaft unterstützt. „Gut 70 Prozent der Azubis haben uns gesagt, dass sie in der Region bleiben wollen. Rund 20 Prozent wollen sich später selbstständig machen.“ Die Region sei also für junge Leute durchaus attraktiv – und das umso mehr, wenn es hier gute Voraussetzungen gibt, die Träume auch zu verwirklichen. Die Befragung habe zudem ergeben, dass Lehrlingen in der jetzigen Ausbildung vor allem Wissen zum Umgang mit modernen Produktionstechniken und zur Umsetzung von kreativen Ideen fehle. Genau das also, was die Kreishandwerkerschaft nun anbieten will.

Auch dann anbieten kann, wenn es kein Preisgeld vom Bundesministerium gibt? Natürlich werde Geld gebraucht, um eine „offene Werkstatt“ und die „Innovationsakademie“ aufzubauen, sagt Jens-Torsten Jacob. Die Millionen-Förderung wäre dafür wie ein Hauptgewinn. „Wir haben aber auch schon einen Plan B für den Fall entwickelt, wenn wir sie nicht bekommen sollten.“ Ein Vorhaben wie die Innovationsakademie wolle man nicht einfach wieder zu den Akten legen. „Ihr Aufbau ist ein Zeichen an die Region und nach außen: Hier passiert etwas Kreatives.“

Und kreativ ist wohl auch der Antrag der Kreishandwerkerschaft selbst. Über 100 Bewerber aus dem ganzen Bundesgebiet gab im Wettbewerb des Bundesministeriums. Die Riesaer war darunter die einzige, in der das Handwerk die Hauptrolle spielt. Auf alle Fälle hat es das Riesaer Vorhaben bereits in Auswahlrunde zwei geschafft. In der sind nun noch 32 Projekte vertreten. Bis zum Frühjahr will das Ministerium unter ihnen die zwölf Preisträger auswählen, die schließlich das Geld bekommen.