Die Erscheinung eines Menschen festhalten

Das Dresdner Leonhardi-Museum zeigt Werke des Zeichners Gerhard Kettner. Der Künstler wäre im vergangenen Jahr 90 Jahre alt geworden.

Kettner wurde 1928 in Mumsdorf im Altenburger Land als Sohn eines Bergmanns geboren. Nach Militärdienst und Gefangenschaft begann er 1949 seine künstlerische Ausbildung an der Hochschule für Baukunst und Bildende Kunst in Weimar. Nach der Auflösung der Malerei-Abteilung in Weimar setzte er ab 1951 sein Studium in Dresden fort. An der hiesigen Kunsthochschule blieb er nach dem Studienende 1953 bis in sein Todesjahr 1993 als Assistent, Dozent und Professor.

Zweimal amtierte Gerhard Kettner sogar als Rektor der Dresdner Kunsthochschule. Zeitweise war er Vizepräsident des Verbandes Bildender Künstler. Seine Autorität setzte er stets für die Qualität ein und verschaffte damit zuweilen auch Positionen Geltung, die von den geltenden kulturpolitischen Prämissen der DDR abwichen, wenn sie ihn denn aus ihrer eigenen Kraft heraus überzeugten.

Kettners SED-Mitgliedschaft und Loyalität zur DDR treten vor der Tatsache zurück, dass er in seiner Generation unzweifelhaft der bedeutendste Zeichner dieses Landes war. Für die Anerkennung dieser Tatsache über die Grenzen des „Eisernen Vorhangs“ hinweg spricht eine Gastprofessur, auf die er 1988 an die Akademie in Wien berufen wurde. Eine Dresdner Ausstellung zu Gerhard Kettners zehntem Todestag wurde 2003 von Bundeskanzler Gerhard Schröder eröffnet, der ein Sammler und Verehrer der Zeichnungen des Künstlers ist.

Im Mittelpunkt nahezu aller dieser Blätter stehen der menschliche Körper und das menschliche Gesicht in ihrer augenscheinlichen Rätselhaftigkeit. Vor allem das offenbare Geheimnis gealterter Züge des menschlichen Antlitzes forderte Kettners Strich heraus. Er ging dessen Kerben und Verwerfungen in immer wieder neuen Anläufen mit Feder und Stift nach. Daraus entstand ein Fazit dessen, was das Leben aus einem Menschen, seinen Hoffnungen und Möglichkeiten werden ließ.

Dabei waren es nicht die vergeistigten Existenzen, als bedeutend geltende Prominenz, denen der Zeichners seine Aufmerksamkeit zuwendete. Überwiegend saßen ihm die Familienmitglieder und Nahestehende aus Kollegenkreis und Nachbarschaft Modell. Immer wahren Gerhard Kettners Zeichnungen eine beobachtenden Abstand.

Die wenigen Künstlerfreunde und -kollegen, die er darstellte, waren zumeist Bildhauer wie Hans Steger, Heinrich Drake und Werner Stötzer. Mit ihnen teilte er das Interesse an der plastischen Abwicklung des Körpers im Raum und der zeichnerischen Einkreisung der Massen. Den Umgang mit der Präsenz des Materials hatte Kettner mit den Bildhauern gemeinsam. Seinen gezeichneten Darstellungen wird keine über das Augenscheinliche hinausgehende Bedeutung beigemessen. Er psychologisierte nicht und vertraute auf die bloße Erscheinung, der er mit Zustimmung und Aufmerksamkeit nachspürte.

Seine Ehefrau und Kollegin Gitta Kettner und die befreundete Malerin Ursula Rodezcko saßen ihm wiederholt Modell. Deutlich ist an diesen Porträts die Überlegenheit der Handzeichnung gegenüber der Fotografie festzustellen. Sie hält zugleich den Verlauf ihrer Entstehung offen. Auf einem Blatt Papier hinterlassen die Handbewegungen eines Künstlers im Verbund mit seiner Menschenkenntnis Spuren, die sich zu einem Bild der Wirklichkeit fügen, das an Lebendigkeit nicht zu übertreffen ist. Dieses offene System mit seiner beweglichen Ordnung kommt dem Leben näher als jeder andere Versuch, die Erscheinung eines Menschen festzuhalten.

Eine Reihe von Selbstporträts Gerhard Kettners entstand während seines Aufenthaltes in Wien. Nervöse Federstriche bannen ein massiges, von Falten zerfurchtes Haupt auf die Blätter eines Abreißblocks, an dessen Oberkante die Lochung noch zu erkennen ist. Die kleinen Blätter sind monumental. Das Haupt darauf ist ungeschützt preisgegeben und trägt doch stolz die Spuren seines gelebten Lebens.

Die aktuelle Ausstellung im Dresdner Leonhardi-Museum geht weit in Gerhard Kettners Werk zurück. 1946 zeichnete er im Gefangenenlager seinen Wanderstiefel mit allen kleinen Steinen, die im Sohlenprofil festklemmten. Im Museumsparterre sind in einer Vitrine Zeichnungen 1955 zu sehen: Sie zeugen von einer gemeinsamen Wanderung mit dem Bildhauerfreund Gerd Jaeger durch die Oberlausitz. Es finden sich auch Skizzen von einer Reise nach Havanna und von einem Aufenthalt in Karlsbad.

Ein Raum der Ausstellung wird von den späten Figurenbildern Gerhard Kettners eingenommen. Hier verbindet sich der menschliche Leib paarweise oder in Gruppen zu naturhaften Anblicken – wie Landschaften oder Gewächse. Eine zeichnerische Fantasie für den Enkel Caspar wirkt so gar nicht beiläufig. Sie steht wie ein Repräsentant für eine ganze freibleibende Werkgruppe. Die Überzeugungskraft dieses zeichnerischen Werkes beruht auf seiner Vielgestaltigkeit bei äußerst beschränkten Mitteln.

Im Leonhardi-Museum Dresden bis 3. März