Die charmante Arroganz der Opernfreunde

Die Dresdner Band "Freunde der italienischen Oper" verband in der Wendezeit Musik und Kunst. Nach jahrelanger Pause gab sie nun wieder ein Konzert in Dresden.

In den letzten Jahren der DDR spross eine vielfältige Szene subversiver Kunst- und Lebensformen. Die Kluft zwischen dem künstlerischen Anspruch und den verfügbaren technischen Mitteln beförderte die Virtuosität und Improvisationsfähigkeit. Die Dresdner „Freunde der italienischen Oper“ sind mehr als jede andere Rockgruppe von dieser Stimmung des Übergangs hervorgebracht worden – und haben diese maßgeblich mitgeprägt. In ihrer Heimatstadt hat die Band nun wieder ein Konzert gegeben.

Beinahe ebenso stark in der bildenden und darstellenden Kunst verankert wie in der Musik, haben sich die „Freunde der italienischen Oper“ 1988 gegründet, im Folgejahr gleich zwei Mitglieder durch Ausreise in den Westen des Landes verloren und ihr letztes Konzert bereits 1992 gegeben. Es war eine Auflösung im Wortsinne. Sie sind mit dieser unruhigen und anregenden Zeit zugleich verschwunden, beinahe unmerklich, aber rasch.

Den artistischen Eigensinn zur verkäuflichen Marke auszuprägen, war die Sache der „Freunde“ nicht, die sich 1990 verbaten bei einem Dresdner Konzert als Einheizer für die Spaß-Punker der „Toten Hosen“ zu fungieren. Mochten sie sich mit diesen das Publikum teilen, so waren sie doch deren Gegenteil in Erscheinung und Attitüde, wenn sie in ihren roten Hemden und schwarzen Krawatten und nahezu ohne Interaktion mit dem Publikum mit erratischer Inbrunst ihre Musik zelebrierten.

Vor dieser nervösen und theatralischen Bühnenpräsenz bestand seit 1985 bereits eine Künstlergruppe, die bizarre Filme produzierte und in eine private Behausung am Dresdner Bahnhof Mitte zu kleinen Festivals lud.

Routine ist bei ihnen aber auch später nie eingetreten. Es gab eine Schallplatte, eine weitere, sozusagen posthume Veröffentlichung und seit der Jahrtausendwende mehrere Versuche der Wiederbelebung, die sich allesamt großer Resonanz erfreuten. Aus Anlass des 40. Geburtstags des Sängers kam 2004 die Originalbesetzung zu einem Konzert in Dresden zusammen, bei dem viele Interessierte draußen bleiben mussten.

Fünf Jahre später gab es ein weiteres Konzert im Schauspielhaus Leipzig. Der dortige Intendant Wolfgang Engel war in DDR-Jahren in Dresden auf die Gruppe aufmerksam geworden, als sie noch ohne Spielgenehmigung waren. Er bezog sie 1989 in seine Inszenierung von Goethes „Faust“ ein. Im Frühjahr 1991 brachten die „Freunde der italienischen Oper“ dann im Großen Haus des Dresdner Schauspiels einmalig ihre eigene Revue zur Aufführung.

Nun ist wieder eine Platte erschienen und es gibt eine ganze Reihe von Auftritten in Berlin, Hamburg, Jena und Bremen, in denen sich das Aufleben der Legende zu verstetigen scheint. Der bisher wichtigste Termin war das ausverkaufte Heimspiel am 11. Januar im Dresdner „Beatpol“ in Altbriesnitz. Die Dresdner Vorband „Die Arbeit“ charakterisierte das dortige Publikum recht zutreffend als „Menschen der 90er Jahre“ und „Leistungsträger“. Die Stimmung mag der geähnelt haben, die 1990 bei Auftritten der 1975 in der DDR verbotenen und nach der „Wende“ wieder formierten Rocklegende „Renft“ herrschte. Eine Erlebnisgeneration erfreut sich am Überleben: dem eigenen und dem ihrer Leitbilder und Orientierungszeichen.

Alle vier Musiker um den Sänger Ray von Zeschau sind neu und doch alte Bekannte, eben Menschen der 90er Jahre. Bassist Rajko Gohlke und Gitarrist Joey A. Vaising gehörten später der Leipziger Band „Think About Mutation“ an. Mit Gitarrist Tex Morton und Schlagzeuger Boris Israel Fernandez spielt Ray van Zeschau als „Ray and the Rockets“ Rockabilly.

Beim jüngsten Dresdner Auftritt der „Freunde der italienischen Oper“ raste nach dem transparenten und effektvollen Klang der Vorband auf das Saalpublikum eine Welle von Gitarren- und Bassklängen zu, worin der Gesang und sogar das Schlagzeug unterging. Das wüste Lärmen gehörte dabei ebenso zur Nostalgie wie die affektierten Gesten des Sängers. Die eingespielten Filme wurden von Scheinwerfern zur Unkenntlichkeit überblendet.

Doch die Kenntnisreichen wussten, was von dem Klang- und Bildgemisch verhüllt war. Bei den bekanntesten Liedern erwiderte eine Springflut aus rempelnden und hüpfenden Leibern Ü50 die geliebte Attacke des kalkulierten Schmerzes von der Bühnenrampe. Denn „Via Dolorosa“ heißt die jüngst erschienene neue Platte.

Tonumfang und Inbrunst des Gesangs blieb frappierend im Zusammenklang mit den bretternden Gitarren und dem trockenen Bass. Das klang neu und doch den „Freunden der italienischen Oper“ sehr ähnlich. Das Publikum schwelgte aber nicht allein in nostalgischer Erinnerung. Es wurde in den Strudel einer Kraft hineingezogen. Von der gewohnten zärtlichen Arroganz der Figuren auf der Bühne fand sich das Auditorium mit nur einer Zugaben abgespeist und dann im Nachhall der ruhenden Instrumente zurückgelassen. Der Gitarrist kam noch einmal auf die Bühne – nicht um zu spielen, sondern um den Stecker zu ziehen.

Viele wollten das Dresdner Konzert miterleben. Die Karten reichten bei Weitem nicht für alle. Aufgrund der unbefriedigten Nachfrage soll in diesem Jahr ein weiteres Konzert der „Freunde der italienischen Oper“ in Dresden stattfinden.