Goldene Liebesgöttin und ein Leichnam

An der Staatsoperette Dresden verbindet Regisseur Axel Köhler zwei Einakter zu einer Inszenierung: Auf "Die schöne Galathée" folgt "Gianni Schicchi".

Dem Musiktheater kommt es zugute, wenn sich seine Regisseure von der Musik zum Theater hin entwickelt haben, anstatt in umgekehrter Richtung. So wie der 1960 in Schwarzenberg im Erzgebirge geborene Countertenor Axel Köhler, der erst jüngst zum künftigen Rektor der Dresdner Musikhochschule gewählt wurde, zuvor aber als aktuelles Ensemblemitglied der Dresdner Staatsoperette an diesem Haus eine Doppel-Inszenierung ins Werk setzte.

Axel Köhler begann seine Opernlaufbahn 1984 als Ensemblemitglied der Oper Halle. In den großen Altus-Partien der Barockopern von Händel, Monteverdi und Hasse bewährte er sich als Meister seines Faches. Ab der Jahrtausendwende führt er auch Regie und war von 2009 bis 2016 Intendant der halleschen Oper. Er inszenierte aber auch an anderen Häusern. Seine bilderreiche Lesart von Jaromír Weinbergers „Švanda Dudàk“ an der Dresdner Semperoper wurde 2012 von der Zeitschrift „Opernwelt“ zur „Wiederentdeckung der Saison“ gekürt. Am gleichen Haus gestaltete er auch Bizets „Carmen“ und Webers „Freischütz“.

Gegenwärtig gibt Köhler also an der Staatsoperette Dresden eine weitere Probe seines spielfreudigen Umgangs mit den Stücken des Repertoires. Das einzige selbstständige Operettentheater Deutschlands war erst Ende 2016 vom Dresdner Stadtrand mit dem Theater der Jungen Generation in eine neue gemeinsame Spielstätte im ehemaligen Kraftwerk Mitte gezogen. Dort war die letzte Operetten-Spielzeit von einer Havarie überschattet. Wegen der Beschädigung der Hauptbühne durch die Feuerlöschanlage mussten bis April dieses Jahres 43 Vorstellungen ersatzlos ausfallen. Doch diese schwere Zeit ist nun überwunden.

Die von Axel Köhler inszenierte erste Premiere der neuen Saison 2018/19 bindet zwei Einakter zusammen. Auf die Operette „Die schöne Galathée“ Franz von Suppé folgt nach der Pause Puccinis Opera buffa „Gianni Schicchi“. Und eigentlich macht Köhler mit den Stücken nur das, was sich von selbst verstehen sollte. Leider geschieht es jedoch so selten, dass seine Inszenierungen dadurch hervorragen: Er nimmt die erzählte Geschichte ernst. Im Vertrauen auf ihre innewohnenden Qualitäten verzichtet er auf Beigaben und die Überbetonung von Nebensachen. Er leitet die Wirkungen aus den Akzenten ab, die von Tonsetzer und Dichter in Musik und Text gelegt wurden. Als Bühnensänger weiß Regisseur Axel Köhler um den steten Anspruch, diese Vorgaben zu vergegenwärtigen. Das gelingt eben nicht durch modernistische Attribute, sondern nur durch Hingabe der Sänger-Darsteller an die künstlerische Vision des Werks.

Das Dresdner erweist sich als eine gute Kombination: In ihrer Verschiedenartigkeit steigern sich beide Stücke. Franz von Suppé bediente sich der antiken Legende vom Bildhauer Pygmalion, der sich in eine selbstgeschaffene Skulptur verliebt. Die Göttin Venus erweckt diese zum Leben. Sowie der Marmor zu atmen beginnt, fangen auch die Launen und Eifersüchteleien an. Als Pygmalion (Richard Samek) behauptet: „Ich bin dein Herr“, beginnt Galathée sogleich markerschütternd zu kreischen. Andreas Sauerzapf als Kunstmäzen Mydas und des Meisters Geselle Ganymed (Anna Werle) können sich dem Eindruck der kühlen Schönheit nicht entziehen.

Die Inszenierung gleitet dabei nie in die Niederungen des Altherrenwitzes ab. Da darf sogar eine spärlich verhüllte Venus (Anna-Luysa Grumbt) mit goldener Leier im Arm atemberaubend durch die Szene wandeln, ohne dass der Grundgedanke der Verzauberung seine Würde einbüßt. Die klassische Operette entschlüsselt sich nur auf der Grundlage ihrer zeitgenössischen Konventionen, in diesem Falle ist es die humanistische Bildung.

Auf den Scherz mit dem hellen Griechentum folgt die menschlichen Posse in der Düsternis eines Sterbezimmers. Giacomo Puccinis „Gianni Schicchi“ wurde vor hundert Jahren an der New Yorker Metropolitan Opera uraufgeführt. Anregung für das Libretto war eine Episode aus Dantes „Göttlicher Komödie“. Das Sterbebett des reichen Buoso Donati ist umlagert von den gierigen Verwandten. Die sehen sich zugunsten einer frommen Stiftung vom üppigen Erbe ausgeschlossen. Einer der ihren, Rinuccio (Richard Samek), ist in Lauretta (Annika Gerhards), die Tochter des Bauern Gianni Schicchi, verliebt. Dessen Schlitzohrigkeit soll nun die Geprellten retten und das Liebespaar zusammenfügen.

Natürlich geht für die Guten alles gut aus, während die Gierigen und Lieblosen das Nachsehen haben. Bis dahin ereignen sich aber jede Menge groteske Situationen. Während der kluge Bauer in den Schlafrock des Verstorbenen gekleidet wird, entwickelt sich der Abtransport der Leiche zu einem grausigen Slapstick. Die stumme Rolle des Pantomimen Arne König als starrer Leichnam ist ein finsteres Pendant zur goldenen Venus im ersten Teil des Abends. Alles ist gut durchdacht und verständig ineinander gefügt und kommt doch mit der nötigen Leichtigkeit über die Bühne. Kammersänger Andreas Scheibner in der Titelrolle kann es gut allein mit der zänkischen Familie Donati aufnehmen. Das heitere Musiktheater zeigt sich in dieser Inszenierung von seiner soliden Seite.

Wieder am 28. und 29. Dezember 2018, 19. und 20. Januar, 14. und 15. März 2019