Liebe und das Licht auf der Piazza

Mutter und Tochter auf Italien-Reise: Sarah Schütz und Anna Preckeler in "Das Licht auf der Piazza" Foto: M. Rietschel/Landesbühnen Sachsen

Die Landesbühnen Sachsen eröffneten ihre neue Spielzeit mit einem Musical. "Das Licht auf der Piazza" ist eine deutschsprachige Erstaufführung.

Italien macht glücklich. Es löst selbst jene Fesseln, die strenge Puritaner ihrem Temperament anlegen. Dabei sind Margaret und Clara Johnson, die in den 1950er Jahren ins Land der blühenden Zitronen reisen, gar nicht mal so, wie man sich verklemmte Amerikaner gemeinhin vorstellt.

Da ist ein besonderes Frauen-Duo unterwegs. Eines, in dem die 26-jährige Tochter Clara (Anna Preckeler) mit entwaffnender Neugier und Offenheit auf ihre Mitmenschen und das Leben zugeht. Ihren Gefühlen verleiht sie unmittelbar Ausdruck. Das ist liebenswürdig und verstörend. Es ist die Folge eines Unfalls: Claras Denken und Fühlen entspricht dem eines zehnjährigen Mädchens.

Ihre Mutter Margaret (Sarah Schütz) reflektiert oft über den Unfall, der das Leben ihrer Tochter, ihr eigenes und das ihres Mannes veränderte. Hätte sie ihn verhindern können? Wie viel Fürsorge wird Clara in Zukunft brauchen? Und kann sie ihre Tochter ein eigenständiges Leben leben lassen? Die letzte Frage drängt sich auf, als Clara in Florenz Fabrizio (Gero Wendorff) begegnet. Der italienische Beau verfällt der blonden Schönheit auf Anhieb. Auch Clara scheint sich in Fabrizio zu verlieben …

„Das Licht auf der Piazza“, das vor wenigen Tagen an den Landesbühnen Sachsen seine deutschsprachige Erstaufführung erlebte, ist ein ungewöhnliches Musical. Mit der Liebesgeschichte verfügt es über den wichtigsten und gängigsten Grundstoff des Genres. Es reichert ihn aber auf besondere Weise an: Boy meets Girl, aber das Girl hat ein Handicap.

Es braucht nicht nur starke Sänger, sondern auch starke Darsteller, um einen solchen Plot nicht in süßlich-kitschige Integrationsromantik kippen zu lassen. Die Radebeuler Inszenierung hat diese starken Sänger und Darsteller. Allen voran Anna Preckeler in der Rolle der Clara: Sie zeigt das Kindliche, Naive und Anziehende in deren Wesen ebenso wie Schroffheit und den Drang zur Selbstbehauptung. Diese Clara ist selbstbewusst.

Auch Sarah Schütz gelingt in der Rolle der Margaret ein differenziertes Spiel. Sie reflektiert und kommt zu der Einsicht, dass ihre Tochter trotz Handicap das Recht auf ein eigenständiges Leben hat. Wie Margaret von den italienischen Avancen zunächst genervt ist, stellt Sarah Schütz herrlich trocken dar.

Generell wird den Frauen im Stück etwas mehr Potenzial und Entwicklung zugestanden, als den Männern. Auch Antje Kahn als Mutter des Bräutigams und Kirsten Labonte als Schwägerin können Intuition, wachen Geist und Herzenswärme aufblitzen lassen. Die männlichen Rollen scheinen festgelegter. Gero Wendorff muss als Fabrizio stets der charmante unbeirrbar Liebende sein. Dem Buch der Italien-Klischees entsprungen sind auch die Figuren von Fabrizios Vater (Michael König) und Bruder (Edward Lee).

Stimmlich wird auf der Radebeuler Piazza beste Musical-Qualität geboten. Die Elbland-Philharmonie unter der Leitung von Hans-Peter Preu liefert dazu einen schmelzenden Sound, der an Filme aus den 1950ern erinnert. Das passt wiederum zu Regie und Ausstattung: Für beides zeichnet Sebastian Ritschel, der Operndirektor der Landesbühnen, verantwortlich.

Auf der „Schauseite“ sorgt Ritschel mit stilechtem Interieur und Kostümen der Fifties für das Vergnügen der Zuschauer. Die Inszenierung besticht durch ihre elegante Bilder. Als Regisseur bringt Sebastian Ritschel ebenfalls einige dem Film entliehene Techniken ein: Da wird schon mal der Hintergrund eingefroren, wenn im Vordergrund eine Figur dem Publikum ihre Gedanken zum Geschehen kundtut.

In der deutschsprachigen Erstaufführung in Radebeul kann das „Licht auf der Piazza“ seine Qualität als Musical mit Tiefgang ausspielen. Starker Beifall des Publikums bestätigt: Die Landesbühnen haben eine sehenswerte Inszenierung mehr auf ihrem Spielplan.

Wieder am 6. Oktober und 4. November