Dresdner Abschied mit dem "Schiff der Träume"

Da gehen sie an Bord: Mit dem "Schiff der Träume" verabschiedet sich das bisherige Ensemble vom Dresdner Staatsschauspiel Foto: Horn

Am Dresdner Staatsschauspiel endet die Intendanz von Wilfried Schulz. Die letzte Inszenierung zeigt eine illustre Künstlerrunde auf Federico Fellinis "Schiff der Träume".

So schließt sich der Kreis. Mit einer schwelgerisch-schwebenden Inszenierung von „Wilhelm Meisters Lehrjahren“ war das neue Ensemble von Intendant Wilfried Schulz im Herbst 2009 ins Dresdner Staatsschauspiel eingezogen. Regisseurin Friederike Heller hatte damals eine Liebeserklärung an das Theater auf die Bühne gebracht. Mit Schauspiel, Puppenspiel und Musik wurde Welterfahrung durch Kunst in Szene gesetzt.

Jetzt geht die Dresdner Intendanz von Wilfried Schulz zu Ende. Die letzte Inszenierung greift den schwebend-leichten Ton des Beginnens auf. Allerdings in Moll statt Dur: Staunend und dem Leben zugewandt war Wilhelm Meister in die Welt aufgebrochen, jetzt reist eine Künstlergemeinde ins Nirgendwo. Regisseur Jan Gehler lässt auf der Dresdner Bühne Federico Fellinis filmbekanntes „Schiff der Träume“ ablegen.

Eine illustre Runde geht an Bord des luxuriösen Dampfers, um der verstorbenen Sängerin Edmea Tetua das letzte Geleit zu geben. Intendant Reginald Dongby (Thomas Eisen) versucht verzweifelt, seine erotisch umtriebige Gattin Violet (Yohanna Schwertfeger) zu bewachen. Stummfilmkomiker Ricotin (Kilian Land) will als Künstler ernst genommen, Tenor Fuciletto (Jan Maak) von Frauen umschwärmt werden. Zwei Sängerinnen liefern sich ein Diven-Duell: Während Ines Saltini (Anna-Katharina Muck) beim Intendanten um eine Rolle buhlt, sieht sich Ildebranda Cuffari (André Kaczmarczyk) als einzige legitime Nachfolgerin der legendären Tetua. An Bord ist zudem der sprachgestörte Großherzog (Meik van Severen) nebst blinder Schwester (Lou Strenger). Keine leichte Aufgabe für den Kapitän, diese exzentrischen Charaktere immer wieder zu versöhnen. Sven Kaiser steuert die Stimmungen mit Musik: Nahezu jede Szene wird von ihm live mit Musik unterlegt. Es ist der Soundtrack zu der Inszenierung, die an einen würdevoll angejahrten Film erinnert.

Mild scheint da zunächst der Blick auf jene seltsame Reisegesellschaft. Ein Projektor knattert, hin und wieder ruckt der Streifen. Die kleine Welt auf dem Dampfer wird mit sanfter Ironie beschrieben. Während auf dem Oberdeck spaziert und konversiert wird, schuften auf dem niedrigen Unterdeck (Bühne: Sabrina Rox) die Bediensteten mit eingezogenen Köpfen. Doch wohlgeordnet und vollständig auf sich selbst bezogen ist die Gesellschaft, die hier gemeinsam reist. Man lebt seine Eitelkeiten und kleinen Intrigen. Man feiert die Kunst. Das Schiff hat von der Realität abgelegt: Dort, an Land, hat gerade der Erste Weltkrieg begonnen.

Jan Gehlers Inszenierung übernimmt aus Fellinis Film die surrealen Momente. Ein hypnotisierter Schauspieler gebärdet sich als Huhn. Auf dem Unterdeck ist ein trauriges Nashorn einquartiert. In einer Geisterbeschwörung wird die verstorbene Edmea Tetua angerufen. Man singt Opernpartien an und stirbt effektvolle Bühnentode.

Erzählt wird das recht kurzweilig. Das Nebeneinander der skurrilen Szenen ist schön anzusehen. Es gibt immer wieder amüsante Anspielungen auf den Theaterbetrieb. Doch der Blick auf diese Welt ist ein melancholischer: Alle Kunst kreist hier nur um sich selbst und soll die Künstler feiern.

Die Realität bricht abrupt ein. In Gestalt einer Gruppe von Flüchtlingen: Diese serbischen Kriegsopfer werden in der Dresdner Inszenierung von einer Kindergruppe dargestellt. Dieser Kunstgriff führt die Inszenierung für einige Momente nah an die Grenze zu unlauterer emotionaler Überwältigung. Natürlich lässt sich Fellinis Stoff sehr passend vor dem Hintergrund der heutigen Verhältnisse lesen. Doch die Gegenüberstellung von Flüchtlingskindern und eitlen Großbürgern denunziert pauschal. Wozu braucht es diese Überspitzung, wenn vermutlich ohnehin jeder Theaterzuschauer die Analogie versteht? Das ist ein Wermutstropfen an der Inszenierung.

Schwach sind die Selbstbezogenen angesichts der Realität. Die Flüchtlinge liefern sie aus. Ihr Schiff wird sinken, doch glückliche Rettung ist ihnen gewiss. Beim Untergang des Dampfers wird gesungen.

Hier steht die Inszenierung wieder beispielhaft für das, was die erfolgreichen Jahre der Intendanz von Wilfried Schulz am Dresdner Staatsschauspiel prägte: die Freude am Spiel und an der Weltentdeckung durch Kunst, Haltung und Aussage zur heutigen Gesellschaft.

Wieder am 26. März, 2., 7. und 30. April, 3. Mai