Tugend, Terror und Lebensgier in Zeiten der Revolution

Revolutionäre Abendgesellschaft im Tribünen-Halbrund, der blutige Ernst kommt später: In Dresden hat Friederike Heller "Dantons Tod" inszeniert Foto: Horn

Mit "Dantons Tod" schrieb Georg Büchner eine Innenansicht der Französischen Revolution. Das Stück, in dem die Revolutionäre miteinander kämpfen, ist nun in Dresden zu sehen.

Blutig ist das Geschäft der Revolutionäre. Doch während das Fallbeil der Guillotine im Sekundentakt heruntersaust und tatsächlichen und vermeintlichen Feinden die Köpfe abschlägt, bleiben sie gut gelaunt. „Bevor etwas kommt, muss etwas gehen“, singen sie. Und plaudern dann weiter über Politik und Privates.

Die Anführer der Französischen Revolution als satte, zynische Abendgesellschaft: Das ist das erste Bild, das Regisseurin Friederike Heller für ihre Dresdner Inszenierung von Georg Büchners Drama „Dantons Tod“ wählt. Nur mäßig gerührt verhandeln Danton, Robespierre und ihre Anhänger den Gang der von ihnen ausgelösten Dinge. Seit fast fünf Jahren ist Revolution in Frankreich und vor allem die Henker haben seither reichlich Arbeit. Nicht nur politische Gegner laufen Gefahr, einen Kopf kürzer gemacht zu werden. Auch die Revolutionäre streiten um den Preis ihres Lebens um den richtigen Kurs. Die Zeit der Revolution sei nun vorbei, jetzt müsse die neue Republik aufgebaut werden, sagt Danton. Kein Ende der Hinrichtungen, fordert Robespierre. Und die Nachgiebigen, die den revolutionären Furor stoppen wollten, müssten als erste aufs Schafott.

Das läge nahe: In den Zeiten der meist gescheiterten „Arabellionen“ und des ukrainischen Bürgerkriegs könnte Büchners Stück gut und gerne ganz auf aktuelle Verhältnisse zurechtinterpretiert werden. Die Revolution frisst ihre Kinder? Hier tut sie es. Man schaut gebannt auf den Moment, in dem Danton, der „Gottvater“ der Französischen Revolution, von seinem Thron bis in den Tod fällt. Doch Regisseurin Friederike Heller und ihr Dresdner Ensemble nehmen mehr in den Blick als die Mechanismen politischen Machtkampfs in revolutionären Zeiten. Danton, Robespierre, Desmoulins: Hier sind die offiziell furchtlosen Revolutionsheiligen Menschen zwischen Lebensgier, Todessehnsucht und Todesangst.

Im Tribünen-Halbrund, das Sabine Kohlstedt fürs Dresdner Große Haus entwarf, begegnen sich zunächst die Anhänger zweier politischer Strömungen, die eben noch Revolutionsgefährten waren oder es gerade noch sind. Der charismatische Danton (André Kaczmarczyk) liebt die Frauen, das gute Essen und das gute Leben. Er kokettiert mit seiner Sehnsucht nach dem frühen Tod. Haben ihn die Anstrengungen der Revolution so müde gemacht? Robespierre (Matthias Reichwald) ist ein Gegenentwurf. Schmallippig verurteilt er die Ausschweifungen, die Danton lebt. Tugend und Terror gehören für ihn zusammen. Sie zwingen das Volk unter die Fahne der Revolution.

Mehr Präsenz hat in der Dresdner Inszenierung auf den ersten Blick Lebemann Danton. André Kaczmarczyk zeigt ihn als feurigen Redner, doch auch als einen Menschen, der seine Selbstzweifel ausgiebig bespiegelt. Matthias Reichwald wird in der Rolle des Robespierre zunächst weniger Raum zur Entfaltung gegeben. Still und zusammengekrümmt sitzt er meist am Bühnenrand. Doch in den Monologen läuft sein Robespierre zu großer Form auf. Scharf und demagogisch umreißt hier ein talentierter Taktiker die Linien seiner Politik. Seine Persönlichkeit wird ex negativo sichtbar. Der Vorwurf Dantons, er nutze seine herausgestellte Tugendhaftigkeit zur Selbsterhöhung, bringt Robespierre aus der Fassung.

In der Darstellung des Persönlichen, der Mikro-Ebene der Revolution, hat die Dresdner Inszenierung eine Stärke. Denn was machen das Blutvergießen, der Terror und die Angst zu vermeintlich höherem Zweck mit den Handelnden? Thomas Braungardt als Danton-Anhänger Camille Demoulins, Yohanna Schwertfeger in einer Doppelrolle als seine Gattin Lucile und Dantons Frau Julie, Thomas Eisen als Legendre und Thomas Payne verhandeln neben Politischem Philosophisches im Angesicht des Todes. Die Figur des Saint-Just wird von Cathleen Baumann zum einen mit dem Feuer des revolutionären Eifers, zum anderen mit der Kälte der Erbarmungslosigkeit ausgestattet. Die psychische Deformation kleidet sich von Fall zu Fall ins Gewand der Sachlichkeit.

Der ständige Wechsel von Makro- und Mikro-Ebene, von politischer und persönlicher Betrachtung, macht gerade im zweiten Teil der Aufführung etliche Szenenwechsel nötig. Das geht manchmal zu Lasten des Spannungsbogens. Inhaltlich bleibt die Inszenierung aber stark und ist packender als jede vordergründige Aktualisierung des Stücks.

Es wäre einfach, sich zu einer Fraktion der miteinander kämpfenden Revolutionäre zu schlagen. Das vermeidet man aber zum Glück. Gewissheiten gibt es hier nicht. Revolution wird von Menschen gemacht. Und jeder Mensch trägt seine Widersprüche in sich.

Wieder am 31. Mai, 11. Juni, 1. Juli