Bilanz des Jobcenters: Zahl der Kunden halbiert

Das Jobcenter des Landkreises Meißen hat heute deutlich weniger Kunden zu betreuen, als bei seinem Start. Die Konjunktur hilft, auch Langzeitarbeitslose wieder in Lohn und Brot zu bringen.

Der Sozialstaat wächst schneller als die deutsche Wirtschaftsleistung? Diese Schlagzeile will Richard Würkner so nicht stehen lassen. Der Chef des Jobcenters hat für den Landkreis Meißen andere Zahlen. Hier ist die Zahl der Arbeitslosen in den vergangenen Jahren deutlich gesunken.

Das Optionsmodell, mit dem der Kreis Meißen seit Einführung der „Hartz-Gesetze“ die Betreuung von Langzeitarbeitlosen in eigene Regie übernahm, sei für die Region ein Erfolg, sagt Würkner. Einer, der sich in Zahlen messen lasse: 2006 hatte das Jobcenter noch rund 34.000 Menschen zu betreuen, heute sind es gut 16.000 - und die meisten der „Ex-Klienten“ seien dauerhaft in Arbeit vermittelt worden.

Ein erfolgreiches Jobcenter ist eines, das seine eigene Geschäftsgrundlage schmälert. Seine Kunden – alle Menschen, die länger als ein Jahr arbeitslos sind, oder aus anderem Grund Sozialleistungen nach dem Sozialgesetzbuch II beziehen – sollen möglichst nur begrenzte Zeit betreut werden: so lange, bis sie ihren Lebensunterhalt wieder selbst durch Erwerbsarbeit verdienen können. Auf dem Weg dazu brauche es gute Begleitung, sagt Richard Würkner. „Deshalb haben wir uns auch für das eigene Jobcenter entschieden. Bei uns soll der Mensch im Mittelpunkt stehen.“ Mit der im Standardmodell üblichen zentralen Steuerung durch die bundesweit vertretene Arbeitsagentur sei dieser Anspruch nicht immer zu vereinbaren. Im Meißner Jobcenter kümmern sich stets zwei Mitarbeiter um einen Klienten. Ein Sachbearbeiter regelt alle finanziellen und Leistungsansprüche. Ein Fallmanager bemüht sich um die Wiedereingliederung auf dem Arbeitsmarkt.

Die Bilanz, die man im Meißner Jobcenter zieht, ist eindrucksvoll. Innerhalb von elf Jahren hat sich die Zahl der Kunden ungefähr halbiert. Mitte 2017 sank im Landkreis die Zahl der „Bedarfsgemeinschaften“ – Haushalte, an die Sozialleistungen nach SGB II gezahlt werden – erstmals unter 10.000. Oft werde behauptet, dass dabei die Demografie eine entscheidende Rolle spiele, sagt Würkner. Immer mehr Leistungsempfänger kämen ins Rentenalter und erhielten nun aus anderer Quelle Unterstützung. „Dieser Effekt spielt bei uns nur eine kleine Rolle“, so der Jobcenter-Chef. „Zwischen 80 und 90 Prozent unserer früheren Kunden konnten wir dauerhaft in Arbeit vermitteln.“

Dabei habe vor allem die gute Konjunktur geholfen. „Die Wirtschaft nimmt jetzt Menschen auf, die noch vor ein paar Jahren auf dem Arbeitsmarkt ohne Chancen waren.“ Allerdings nicht im Selbstlauf: Das Jobcenter bereitet die Bewerber mit Trainings, Schulungen und Qualifikationen vor, es begleitet und unterstützt die aufnehmenden Betriebe bei der Eingliederung der neuen Mitarbeiter. Vor allem bei Menschen, die schon lange Zeit arbeitslos waren, ist das aufwendig. Zwar habe das Jobcenter inzwischen deutlich weniger Klienten, doch die Probleme der verbliebenen meist komplizierter, erklärt Richard Würkner.

Da treffe es hart, wenn Förderprogramme zur Arbeitsmarkt-Integration gekürzt werden. „Für weniger Kunden gibt es weniger Mittel. Dabei wird aber verkannt, dass unsere verbliebenen Kunden eines höheren Aufwands bedürfen.“ Auch wenn mittlerweile viele Unternehmen nach neuen Mitarbeitern suchen, müsse mit großem Aufwand um Stellen für Langzeitarbeitslose geworben werden. Oft brauche es Eins-zu-Eins-Betreuung, engen Kontakt mit den aufnehmenden Unternehmen und psychologische Unterstützung, damit der Einstieg in die regelmäßige Beschäftigung gelinge. „Die Maßnahmen werden aufwendiger“, sagt Enrico Münch, der im Jobcenter für die Eingliederung zuständig ist. „Das dafür zur Verfügung stehende Geld sinkt aber stärker, als die Erwerbslosenzahlen zurückgehen.“

Derzeit sei auch schon zu erkennen, dass die Integration von Zuwanderern in den Arbeitsmarkt mehr Förderung brauche. „Das gilt, auch wenn wir mit knapp 400 nur wenige Ausländer zu betreuen haben“, sagt Jobcenter-Chef Würkner. „Die meisten Flüchtlinge bleiben nicht im Landkreis, sondern wandern in die Großstädte ab: nach Dresden und Leipzig.“

Der stete Rückgang der Kundenzahl habe schließlich auch das Jobcenter selbst verändert. Die Behörde werde kleiner. „Auch wir müssen uns verschlanken“, so Würkner. Gestartet sei man vor elf Jahren mit rund 400 Vollzeit-Stellen, derzeit seien es noch rund 300. Dabei habe es aber keine Entlassungen gegeben. Stellen, deren Inhaber in Rente gehen, würden nicht neu besetzt und für Elternzeiten keine Vertretungen eingestellt. Dem Jobcenter hilft nun, dass nicht nur die Wirtschaft, sondern auch viele Verwaltungen dringend neue Mitarbeiter suchen. „Mitarbeiter wandern auch von uns zu anderen Behörden ab.“