Mit Dampf und Punk für das Kornhaus

Mit dem Verein "Mit Zahnrad und Zylinder" engagiert sich Jeannette Mahlow für das Kornhaus. Die "Steampunks" machen das Gebäude der Öffentlichkeit zugänglich. Foto: Grau

Nach Jahren von Leer- und Stillstand tut sich wieder etwas im Kornhaus am Meißner Domplatz. Ein Verein bringt neues Leben ins historische Gemäuer.

Die Tür ist groß und schwer, ihr Schloss ein sehr robustes und sichtbar altes Handwerkserzeugnis. Überraschend, wieviel Fingerspitzengefühl es dennoch braucht, das Kornhaus aufzuschließen. Eins, zwei, nein: drei Versuche, bis der Schlüssel endlich greift. Der Riegel zieht sich zurück, der Weg ist frei.

Der etwas kniffelige Schließmechanismus sei Übungssache, sagt Jeannette Mahlow. Die Meißnerin spricht aus Erfahrung. Seit einigen Monaten hat sie die „Schlüsselgewalt“ für das Kornhaus. Das historische Gebäude prägt die Ansicht des Domplatzes mit – und steht seit Jahren leer.

Die Tür schwingt auf und Jeannette Mahlow geht voran. Der erste Eindruck: kein Verfall, im Kornhaus wird Ordnung gehalten. Das stimme, sagt Mahlow. Selbst wenn der lange Leerstand anderes vermuten lasse, sei der Zustand des Hauses noch recht gut. Das mag Außenstehende auch angesichts der komplexen Verhältnisse in Sachen Eigentum und Betreuung überraschen. 2008 hatte Meißens kommunale Wohnungsgesellschaft SEEG das Kornhaus verkauft. Die italienischen Erwerber kündigten an, die Immobilie zu einem Luxushotel umzubauen. Die Mieter zogen aus – und seither hat sich am Haus nichts getan.

Dass der Kaufvertrag keine Klausel für den Rückfall des Eigentums an die Stadt enthielt, sorgte vor Jahren in der Meißner Politik für Debatten. Inzwischen scheint man sich daran gewöhnt zu haben, dass die Weichen für die Zukunft des Kornhauses nicht mehr in Meißen gestellt werden. Oder ist das doch nicht mehr so klar?

Denn nun kümmern sich wieder Meißner um das Gebäude. Der Anstoß dazu sei ein persönlicher gewesen, sagt Jeannette Mahlow. „Ich wohne schräg gegenüber am Domplatz und schaue jeden Tag aufs Kornhaus.“ Da muss unbedingt wieder Leben rein: Das sei ihr Wunsch für das historische Gebäude.

Vor ihr hatte sich der Meißner Architekt Knut Hauswald im Auftrag der italienischen Eigentümer um das Haus gekümmert. Als er dieses Amt abgab, drohte auch die letzte Einflussmöglichkeit auf die Immobilie verloren zu gehen. Doch über Knut Hauswald knüpfte Jeannette Mahlow neue Kontakte nach Italien. „Ich bin auf die Besitzer zugegangen.“ Die Meißnerin fragte an, ob sie das Kornhaus gelegentlich für kulturelle Zwecke nutzen könne. Im Gegenzug würde sie sich bei der Pflege der Immobilie engagieren. Die Italiener willigten ein, die Zusammenarbeit bringe allen Beteiligten Vorteile, sagt Mahlow. Meißen gewinne im Kornhaus neue Räume für die Kultur. Werde das Haus durch Veranstaltungen bekannter, könnte das auch potenzielle Interessenten für einen Weiterverkauf anlocken, hofften die Italiener. Sie bieten die Immobilie immer wieder mal auf Portalen im Internet an. Zum Preis von zuletzt vier Millionen Euro wollte aber offenbar noch niemand zugreifen.

Nicht zuletzt diene Publikumsverkehr auch dem Kornhaus selbst, sagt Mahlow. Vor Führungen und Festen, aber auch sonst in regelmäßigen Abständen inspiziert sie das Gebäude. Sie verschließt Fenster, meldet offene Stellen im Dach und andere Schäden den Eigentümern. Die sorgten dann umgehend für Abhilfe: „Das funktioniert gut. Die Besitzer sind froh, dass wir vor Ort sind und Probleme melden. Sie bemühen sich, das Kornhaus in gutem Zustand zu halten.“

Ihre Pläne, das Kornhaus aus dem Dornröschenschlaf zu wecken, verfolgt Jeannette Mahlow aber nicht allein. Sie hat dazu einen Verein ins Leben gerufen. „Mit Zahnrad und Zylinder“ heißt er und beschert Meißens Kultur eine neue Facette. Bisher waren „Steampunks“ vor allem in Sachsens Großstädten zu finden, jetzt kommen sie auch an den Meißner Domplatz. Es sind Bastler und Tüftler mit einer Vorliebe für die Moden des späten 19. Jahrhunderts. Sie erfinden erstaunliche Maschinen und Kostüme im Retro-Design. Dampfende Hüte und dampfbetriebene Fahrräder: Das gehört zur Welt, wie sie die Steampunks lieben.

Und die offenbar gut ins Meißner Kornhaus passt. Ein erstes Steampunk-Festival fand dort Anfang Juli statt. An drei Tagen kamen rund 800 Besucher: Steampunk-Fans aus ganz Sachsen, aber auch Meißner, die sich nach Jahren wieder im Kornhaus umschauen wollten. Den Gästen habe das Ambiente bestens gefallen, sagt Jeannette Mahlow. „Das Kornhaus hat die richtige Atmosphäre. Man spürt die Geschichte, es ist nicht übersaniert.“

Nach dem Erfolg ist für das nächste Jahr schon ein weiteres Steampunk-Festival avisiert. Es soll vom 7. bis 9. Juli 2018 stattfinden. Bis dahin bleibt das Kornhaus aber nicht geschlossen. „Wir öffnen zur Langen Nacht und im September zum Tag des offenen Denkmals und zum Weinfest.“ Führungen durchs Haus seien auf Anfrage jederzeit möglich. Interessenten sollten sich dazu an den Verein „Mit Zahnrad und Zylinder“ wenden.

Dessen Mitglieder entwickeln schon weitere Ideen für die künftige Nutzung des Kornhauses. Im Erdgeschoss ließe sich ein Café einrichten, in die oberen Stockwerke würden Ateliers für Künstler und Räume für Vereine passen … wenn da nicht nach wie vor Unklarheit über die Zukunft der Immobilie herrschte. Die Absicht zum Weiterverkauf wurde von den italienischen Eigentümern nicht dementiert. Auch von den Planungen, das Kornhaus in ein Hotel umzubauen, gab es kein offizielles Abrücken. Das könnten lohnenswerte Geschäfte werden. Vereinsvorsitzende Jeannette Mahlow und die anderen Mitglieder von „Mit Zahnrad und Zylinder“ engagieren sich dagegen ehrenamtlich und hoffen dennoch, die Zukunft des Gebäudes im Meißner Sinne beeinflussen zu können.

„Bisher haben wir mit den Eigentümern von Mal zu Mal die Nutzung für unsere Zwecke vereinbart“, sagt Mahlow. Jetzt hoffe man auf dauerhaftere Beziehungen: „Wir bemühen uns um einen Pachtvertrag für das Kornhaus.“ Dass die Vereinsmitglieder im Gegenzug Gutes für das Haus tun, hätten sie bereits bewiesen. Ein Beispiel: Sie haben neue Beleuchtung installiert. Jetzt wären weitere Schritte nötig. Die Abwasserleitungen im Haus müssten wieder auf Vordermann gebracht werden, damit die Bausubstanz keinen Schaden nimmt, sagt Mahlow.

Das Engagement des Vereins zahlt sich bereits auch auf andere Weise aus. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz sei auf das Kornhaus aufmerksam geworden, berichtet Jeannette Mahlow. Die Stiftung biete Unterstützung und Förderung für den Erhalt des Hauses an. Um diese annehmen zu können, müsste der Verein aber Pächter des Hauses sein.