Zwei Königinnen und eine Bühne machen Eindruck

Die neue Inszenierung von Schillers "Maria Stuart" am Dresdner Staatsschauspiel verdankt ihre Wirkung vor allem zwei Schauspielerinnen und einer beeindruckenden Bühnenkonstruktion.

Drei Hauptdarstellerinnen hat Dresdens neuste Schiller-Inszenierung. Anja Lais in der Rolle einer zum Tode verurteilten Schottenkönigin, Fanny Staffa als deren englischer Widerpart und die von Olaf Altmann entworfene Bühne: Sie sorgen dafür, dass Schillers „Maria Stuart“ unter der Regie von Thomas Dannemann dann doch länger im Gedächtnis bleibt, als man es kurz nach dem Schlussapplaus noch meint. Na gut, auch „Maria Stuart“ in zwei Stunden ohne Pause abzuhandeln, ist schon eine Leistung – selbst wenn nicht ganz klar wird, warum diese Eile an den Tag gelegt wurde. Denn Anja Lais als Maria und Fanny Staffa als Elisabeth hätte man gern noch etwas länger bei ihrem Königinnenduell auf dieser beeindruckenden Bühne zugesehen.

Das erste Bild: Maria steigt auf einer breiten Treppe aus dem Bühnenboden empor. Hinter ihr der Kerker, in dem die einstige Regentin seit 19 Jahren sitzt. Der orangefarbene Overall, den sie trägt (Kostüme: Regine Standfuss), weckt Assoziationen an Guantanamo. Allein steht Maria nun im Bühnenlicht, tritt von einem Bein aufs andere, schaut oft zu Boden, klagt mit flacher Stimme. Diese Frau ist nun gebrochen, auch wenn sie anderes behaupten mag.

Maria Stuart wird von englischen Adligen streng bewacht. Sie gilt als gefährliche Unruhestifterin, macht sie doch ihrer Cousine Elisabeth I. den englischen Königsthron streitig. Zwar hatte Maria mit ihrer Herrschaft in der schottischen Heimat verbrannte Erde hinterlassen und musste deshalb ins Nachbarreich fliehen. Doch dort spann sie – selbst aus der Gefangenschaft heraus – Intrigen gegen Elisabeth. Nun ist das Todesurteil gegen Maria gesprochen.

Die eben noch hadesartige Bühne verwandelt sich mit dem Auftritt von Fanny Staffa als englischer Königin. Boden und Decke sind jetzt zwei riesige Platten, die sich heben und senken lassen. Mal schreiten die Figuren auf weiter Ebene unter bedrohlich niedrigem Himmel, mal stehen sie wie ausgestellt auf einer schrägen Ebene. Wenn sich nun die gewaltige Decke herabsenkt, sieht es aus, als schlösse sich der Raum um die Handelnden und jeder Ausweg sei versperrt.

Schon durch ihr Kostüm markiert Elisabeth den Gegenpart zu Maria. Fanny Staffa steckt in einem ganz mit Pailletten besetzten Kleid. Die Zuschauer werden vom kalten Glitzern und Funkeln der Macht geblendet. In der eindrucksvollen Hülle steckt jedoch eine unsichere Frau. Stets konnte sich Elisabeth mit geschickter Taktik in der Männerwelt der Politik an der Spitze halten. Doch nun ist sie in einem Dilemma. Noch nie hat ein Monarch einen anderen hinrichten lassen. Wäre der Todesbefehl gegen ihre Cousine ihren Feinden ein willkommener Anlass, gegen sie loszuschlagen? Oder ist die Hinrichtung der Frau, die ihren Thron fordert, eine unaufschiebbare Notwendigkeit? Die Männer, die um die sichtlich gereizte Königin herumscharwenzeln, fordern Entscheidungen. Jeder hat sein Interesse und Elisabeth darf sich in diesem Dickicht aus Verstrickungen und Abhängigkeiten keinen Fehler erlauben: „So steh ich kämpfend gegen eine Welt. Ein Weib!“

Die Inszenierung betont Handlungsdruck. Nicht nur, indem sie den Schiller-Text auf Kinothriller-taugliche 110 Minuten rafft. Immer wieder untermalt auch ein Hintergrund-Sound aus bedrohlichem Klicken und Klackern die Szenen. Ein merkwürdiger Gegensatz zu diesem die Spannung betonendem Kinoeffekt ist das statische Auftreten der Figuren. Die Schauspieler stehen über weite Strecken an einem Fleck, gehen nur ein paar gemessene Schritte hin und her. Die Möglichkeiten der riesigen Bühne bleiben weitgehend ungenutzt. Auf den visuell so beeindruckenden Platten findet viel steifes Hofzeremoniell statt.

Die Herren um Maria und Elisabeth stecken in businesshafter Kluft und bleiben blass. Es ist eine undankbare Aufgabe für Ahmad Mesgarha als Lord Leicester, Hans-Werner Leupelt als Graf von Shrewsbury, Torsten Ranft als Baron Burleigh und Raiko Küster als Amias Paulet: Sie geben Stichworte und fügen der Handlung einige Wendungen hinzu. Allein Lukas Rüppel darf als junger Mortimer, der Maria befreien will, seiner Figur ein wenig mehr Tiefe verleihen. Viktor Tremmel bekommt in der Rolle des Staatssekretärs Davison immerhin Gelegenheit zu einem Kabinettstückchen.

So lebt die Inszenierung vor allem von der Schauspielkunst von Anja Lais und Fanny Staffa. Die trotzt der statischen Inszenierung, dem Soundtrack und der visuellen Übermacht der Bühnenkonstruktion. Welche Tiefe der Darstellung auch unter diesen eher widrigen Bedingungen möglich ist, beweisen Szenen wie das Treffen von Maria und Elisabeth sowie manche Monologe der beiden Königinnen.

Dann sieht man zwei machtgewohnte Frauen, die doch nicht über der Macht-Mechanik stehen können. Ist ihnen das tödliche Spiel von außen, von den Männern, vom immer wieder erwähnten „Pöbel“ aufgezwungen? Treiben sie es selbst voran? Mit dieser Frage und zwei starken Schauspielerinnen bleibt die Inszenierung im Gedächtnis.

Wieder am 28. Januar, 10. und 15. Februar