Taschentuchdrama als Hymnus der Schadenfreude

Langes blondes Haar und ein schwarzer Engel auf der Bühne: Die Semperoper zeigt Verdis "Otello" Foto: Semperoper/Forster

Die Semperoper zeigt eine neue Inszenierung von Giuseppe Verdis "Otello". Die Zutaten stimmen, doch der volle Genuss fehlt.

Zu seinem Antritt als Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle vor fünf Jahren kündigte Christian Thielemann an, sich mit dem Werk des späten Giuseppe Verdi beschäftigen zu wollen. Mit der Premiere von Verdis „Otello“ vor wenigen Tagen in der Dresdner Semperoper hat sich diese Verheißung nun erfüllt.

Verdis Musik brandete gleich in der ersten Szene mit düsterer Schönheit an. Mit diesem Zauberklang von Orchester, Chor und Kinderchor konnte an diesem Abend allein Sängersolist Andrzej Dobber als Jago Schritt halten. Stephen Gould als Otello und Dorothea Röschmann als Desdemona waren zwar gut in Form. Die in Bayreuth erprobten Dresdner Sänger Christa Mayer (Emilia) und Georg Zeppenfeld (Lodovico) hatten ebenfalls kurze, aber sehr prägnante Auftritte. Dennoch blieb die musikdramatische Offenbarung aus.

Mit Shakespeares Drama hat der „Otello“ von Librettist Arrigo Boito und Komponist Giuseppe Verdi wenig zu schaffen. Das Werk der beiden großen Italiener sollte besser „Iago“ heißen. Die ganze Aufmerksamkeit ist darin auf die Manipulation der Gefühle gerichtet.

Boito lenkte Verdi in einem Brief vom April 1891 auf eine neue Vermarktungsstrategie. Er wollte die Gunst des bürgerlichen Massenpublikums gewinnen – von Leuten, „die wenig bezahlen und sich bei passender Gelegenheit köstlich amüsieren“. So triumphiert im „Otello“ auch anstelle der Verherrlichung ritterlicher Tugenden der primitive Trieb zur Schadenfreude.

Auch Shakespeares „Othello“ eignet sich zwar wenig zum Mitgefühl. Sein Drama erzählt von der Katharsis einer blinden Eifersucht. Doch Verdis und Boitos Jago ist dann bereits ein „Übermensch“ in Nietzsches Sinn, der jenseits von Gut und Böse seine dunkle Politik ins Werk setzt. Sein Unglaubensbekenntnis tönt ruppig und mit standfester Dämonie: „Der Himmel ist das Nichts, der Tod eine alte Fabel.“

Jago ist ein Taktiker, der eine Politik der Interessen und nicht der Werte verfolgt. Die Regie der Dresdner Inszenierung (Vincent Boussard) gesellt ihm einen pantomimisch agierenden schwarzen Engel (Sofia Pintzou) zu. Der soll das Pendant zu Otellos weißgewandeter Gattin Desdemona mit langem, blondem Genoveva-Haar sein. Durch diesen Widerpart erscheint Desdemona noch passiver. Recke Otello gibt sich im Angesicht des sanften Glanzes schwach und beinahe weinerlich.

Skrupel zwischen himmlischer und irdischer Liebe kennt die lebensfrohe italienische Oper nicht. Dafür bizarren, unruhigen Stolz: Keine größere Demütigung des ritterlichen Mannes lässt sich denken, als den tollkühnen Türkenbezwinger um ein albernes Taschentuch flehen zu sehen. Der löwenstarke Seeheld ruft mit Entsetzen in der Stimme: „Il Fazoletto!?“ Ein schwaches Weib wird ordinär beschimpft und schließlich sinnlos hingemordet.

In der Dresdner Inszenierung wurde das nicht als großes Drama glaubhaft. Eine vorbildliche Aufführung allein reicht dazu nicht aus. Das Werk muss sich auf einer artifiziellen Ebene erfüllen.

Einem mittleren Stadttheater gelingt das zuweilen durch das Ausmaß der künstlerischen Überforderung. Ein erstklassiges Haus, das sich alles leisten kann, muss damit schon zaubern können. An der Dresdner Oper wäre es gewiss möglich gewesen. Ein großes Orchester, ein erstklassiger Dirigent, gute, eingekaufte Sänger: Das könnten brauchbare Zutaten sen. Vielleicht aber sollte die „Garzeit“ verlängert oder auf „Rohstoffe aus kontrolliertem Anbau“ geachtet werden – damit endlich wieder ein leistungsfähiges Ensembletheater kontinuierliche künstlerische Entwicklung garantiert.

Die Inszenierung von Vincent Boussard und das Bühnenbild von Vincent Lemaire boten den Figuren einen dunklen und ruhigen Rahmen. Es wurde von dieser Seite einmal keine Barriere zwischen Orchester und Bühnengeschehen errichtet. Alles klang schön – aber auch ganz schön langweilig. Es war ein Genuss, diese Musik zu hören, aber ein irgendwie schaler.

Seit Jahren macht die Dresdner Oper keine gute Standortpolitik. Beinahe stärker noch als zu DDR-Zeiten ist sie zu einem Exportprodukt für Prestige und Devisen geworden. Hoffen wir, dass sie unter ihrem künftigen Intendanten Peter Theiler von einer Politik dieser Werte zurückfindet zu einer der Interessen – die vor allem die Interessen des heimischen Publikums sein sollten.

Wieder am 11., 13. und 28. Mai