Das Panorama eines Krieges ohne Schlacht

Das neue Panoramabild von Yadegar Asisi zeigt das zerstörte Dresden im Februar 1945 Foto: Hennig

Im Dresdner „Panometer“ präsentiert der Architekt und Künstler Yadegar Asisi sein neustes Groß-Gemälde. Es zeigt Dresden nach der Zerstörung im Februar 1945.

Zum 800. Jubiläum der Stadt Dresden im Jahr 2006 entrückte Yadegar Asisi die Besucher des früheren Gasometers im Stadtteil Reick mit seinem Panorama „1756 Dresden – Dem Mythos auf der Spur“ in die große Zeit der sächsischen Residenz. Die spezifische Ausprägung des Dresdner Spätbarocks hat den Architekten und Künstler lange beschäftigt. Ab 2012 präsentierte er im „Panometer“ von Dresden eine überarbeitete Fassung dieser Vision.

Von Anfang an hatte Asisi eine umfassendere Darstellung im Sinne. Es schwebte ihm ein Triptychon vor: beginnend im 18. Jahrhundert, bis in die Gegenwart hineinreichend. Der in Wien geborene, in Sachsen aufgewachsene und heute in Berlin lebende Perser strebte damit nach einer sinnlichen Form historischer Selbsterkenntnis. Zum 200. Jahrestag der Völkerschlacht von 1813 eröffnete in Leipzig sein großes Schaubild vom Höhepunkt und der Überwindung des Krieges. Das Dresdner Panorama dagegen zeigte die Stadt in ihrer vollen Blüte, kurz bevor sie im Siebenjährigen Krieg zu Schaden kam. Noch kein Schatten der kommenden Zerstörung trübte dieses Bild. Zum 70. Jahrestag der Zerstörung Dresdens im Zweiten Weltkrieg ist jetzt im „Panometer“ das Panorama eines Krieges ohne Schlacht besichtigen.

Unbehaglich kalt war es bei der Pressekonferenz im früheren Gasometer in Dresden-Reick. Neben Asisi hatte der wissenschaftliche Direktor des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr, Gorch Pieken, Platz genommen. Er betonte: „Die Menschen der Stadt waren im Fadenkreuz der Bomber. Die Ruinen waren der Kollateralschaden.“ Es standen sich keine Armeen gegenüber, sondern ganze Gesellschaften und Volkswirtschaften. Vorwürfen, er würde Wasser auf die Mühlen des Opfermythos gießen, tritt Asisi offensiv entgegen. „Was heißt das: Opfermythos? Es ist kein Mythos. Es gibt Opfer.“ Der Künstler möchte mit seinem Schaubild betroffen machen.

Der Besucher des „Panometers“ blickt aus fast 30 Meter Höhe vom Turm des Dresdner Rathauses und sieht die Stadt nach dem Tagesangriff vom 14. Februar 1945. Der dokumentierte Bestand des Wissens musste mit den Möglichkeiten der Darstellung versöhnt werden. Überall, wo Lücken in der visuellen Überlieferung bestehen, wälzen sich auf der Leinwand dichte Rauchschwaden über das Stadtbild.

Authentizität und Wahrhaftigkeit sind zwei verschiedene Dinge. Die behutsame Weise, mit der das Geschehen anschaulich gemacht wurde, nimmt einen für einige Freiheiten der Gestaltung ein. Die Kuppel der Frauenkirche ist auf dem Bild bereits eingefallen, obwohl sich dies erst einen Tag später ereignete. Es geschah in der Absicht, diese Ruine als zentrales Mahnmal der Zerstörung zur Geltung zu bringen. Während seines Architekturstudiums an der Technischen Universität Dresden in den 1970er Jahren hatte Asisi den Trümmerberg vor Augen. Vor einer Mauer fliegen zwei grellfarbige Aras. Die exotischen Vögel konnten sich wohl aus einer Voliere des Zoos ins Freie retten. Unter ihnen glüht der Boden. Eine ausgebrannte Straßenbahn steht auf dem Gleis.

Nicht nur für den Blick in die Sonne, sondern auch für den in ein Höllenfeuer können geschwärzte Gläser hilfreich sein. So wird im „Panometer“ die Geräuschkulisse zum Erträglichen gedämpft und damit der synästhetischen Erfahrung ein Übergewicht des Sehens zu gewährt. Ein Dröhnen von Motoren wird von Detonationen unterbrochen, während grelle Lichtblitze das Dresdner Stadtskelett in einen roten Schein tauchen. Der gebändigte Naturalismus der Geräusche geht allmählich in dunkle Streicherklänge über. Über der Trümmerstätte erwacht ein Tag, der kaum Farben mit sich bringt. Nur der rote Feuerschein frisst sich an manchen Stellen weiter.

Vier Tage und Nächte soll Dresden gebrannt haben. Auf dem Bild ragen in den Wohnvierteln zwischen Fassadenhülsen die Schornsteine der Hinterhoffabriken empor. Nur mit Mühe sind Menschen auszumachen, die sich auf ihrem Weg durch das unwegsame Gelände verlieren. Auch dem Betrachter fällt die Orientierung schwer. Von den markanteren Gebäuden sind immer wieder Rückschlüsse auf nicht mehr vorhandene Architektur-Situationen zu ziehen. Ein Jahr suchten die Schöpfer des Panoramabildes in Archiven und förderten dabei viel Unaufgearbeitetes zu Tage. Doch die meisten überlieferten Fotodokumente zeigen die Straßen und Plätze im bereits beräumten Zustand. Anhand von Modellen wurde schließlich die Unordnung simuliert.

Die Kommentare der umgebenden Ausstellung sind sehr zurückhaltend. Zwei aus den Trümmern geborgene Originale sind darin aufgestellt: die Glocke des Neustädter Rathauses und der Torso einer Heiligen Magdalena de Pazzi von der Hand des kaiserlichen Hofbildhauers Lorenzo Matielli. Gorch Pieken wies darauf hin, dass Dresden zur Referenz für alle Fälle von Kriegszerstörung geworden ist. Das beruhe auf dem beispiellosen Kontrast zwischen der zivilisierten Schönheit der Stadt und der geradezu virtuosen Durchführung ihrer Auslöschung.

In den kommenden fünf Jahren kann diese Kluft von den Besuchern des „Panometers“ im jahreszeitlichen Wechsel gemessen werden. Knapp umriss Yadegar Asisi sein Dresdner Programm: „Im Sommer den Barock, im Winter den Krieg.“ Wenn vor Ort gerade die anmutigste Fata Morgana der sächsischen Landeshistorie zu sehen ist, könnte das apokalyptische Bild Dresdens vorübergehend auswärts präsentiert werden. Asisi will ganz entspannt auf Nachfragen dazu warten. Sein bislang gewagtestes Werk hat er erst einmal glücklich zum Abschluss gebracht.

„Dresden 1945“ bis 31. Mai im Panometer Dresden, Gasanstaltstraße 8b